Formen und Funktionen …

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Gerhard Anselm Müller, Formen und Funktionen der Vergilzitate und –anspielungen bei Augustin von Hippo. Formen und Funktionen der Zitate und Anspielungen. Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums Neue Folge 1. Reihe: Monographien, 18. Band. Ferninand Schöningh, Paderborn – München – Wien – Zürich 2003. ISBN 3-506-79068-4. 508 S. EUR 88,40.

ARCTOS 37 /2003

Formen und Funktionen der Vergilzitate und –anspielungen bei Augustin von Hippo von Gerhard Anselm Müller ist eine überarbeitete Fassung seiner im 2000-2001 an der Johannes Gutenberg-Universität angenommenen Dissertation. In seinem opus magnum untersucht Müller Augustins Vergilzitate im Horizont ihrer Zeit und die Rolle der Zitate in Augustins Argumentation.

Man kann das Verhältnis der Kirchenschriftsteller zur klassischen griechisch-römischen Kulturtradition mit einer gewissen Ambiguität beschreiben. Christliche Verfasser wie Laktanz, Hieronymus und Augustin  betonten die Trennung zwischen der klassischen Bildung und dem christlichen Glauben. Dennoch findet man in den Texten derselben Autoren umfangreiche wörtlich übernommene und deutlich markierte klassische Zitate.

Augustin wendet sich gegen die pagane (d.h. klassische) Dichtung wegen ihrer wesentlichen Verbindung mit paganen Göttermythen. Nach Müller lag im Horizont Augustins viel eher ein völliges Verschwinden der klassischen Autoren aus dem Bewusstsein auch der gebildeten Christen. Das ist besonders offensichtlich in De doctrina christiana, obgleich dieses Verschwinden eine gleichartige transzendente Vision wie die absolute Trennung der civitas Dei und der civitas terrena (in De civitate Dei) zu sein scheint. Eine echte Herauslösung aus der antik-paganen Bildung war nicht möglich.

Müller will beweisen, dass der Gebrauch von Vergilzitaten eine willentliche Entscheidung Augustins war, von der er sich Überzeugungskraft in Hinblick auf ein weites Publikum erwartete. Die Zitate funktionieren also als reflektierte Elemente der rhetorischen und kommunikativen Strategien des Kirchenvaters. 

Formen und Funktionen der Vergilzitate und –anspielungen ist nach Werken und Werkgruppen strukturiert: philosophische und theologische Frühschriften, antimanichäische Schriften, theologische Schriften, antipagane Schriften, Briefe, Sermones und exegetische Schriften, antipelagianische Schriften und antidonatistische Schriften. Auf diese Weise kommt die Themen- und Adressatenbezogenheit der Zitate auf. Die einzelnen Werke und die Adressaten, ihr Bildungsgang und ihre religiöse Position werden analysiert. Innerhalb der einzelnen Werke sind die Zitate einigermaßen thematisch eingeordnet worden, was die Lesbarkeit des Buches erleichtet. Echte Neufunde von Zitaten gibt es nur wenige, aber das ist ja nicht der Zweck dieser Untersuchung.

Nach Müller ist die Engführung auf Vergil die Hauptschwäche vieler vorigen Untersuchungen, weil Vergil dann oft zu isoliert betrachtet wird. Die Stärke der detaillierten Untersuchung Müllers ist bestimmt der Vergleich mit anderen zitierten klassischen Dichtern und Prosaautoren, weil er zu einer differenzierteren Sicht führt. Die Bedeutung Vergils als zentraler Bezugspunkt Augustins wird nicht gemindert – Vergil ist für Augustin der wichtigste römische Dichter – aber seine Rolle wird relativierter betrachtet.

Man vergleicht das vorliegende Buch natürlich mit zwei anderen Werken, nämlich Harald Hagendahls Augustine and the Latin Classics (1967) und Sabine MacCormacks The Shadows of Poetry. Virgil in the Mind of Augustine (1998), mit denen Müller sich auch auseinandersetzt. Müller kritisiert MacCormack, die nach seiner Meinung Einzelheiten zu sehr belastet. Er betont, dass die meisten Zitate und Anspielungen einen begrenzten Resonanzraum haben und nicht über die unmittelbare argumentative Funktion hinaus ausgewertet werden dürfen. Während Hagendahl zum größten Teil an den zitierten Autoren und weniger am Kontext innerhalb des augustinischen Werkes interessiert ist, untersucht Müller demgegenüber genau den Kontext und den Gebrauch der klassischen Zitate im Zusammenhang der augustinischen Werke. Hagendahl hatte eine Wellenlinie in der zeitlichen Entwicklung der augustinischen Zitate dargestellt: Demzufolge wären sie nach einem ersten Höhepunkt mit der Priesterweihe zur Flaute gekommen. Im Jahr 413 erfolge ein Neuansatz, während in den letzten Schriften Zitate wiederum fast völlig fehlten. Diese Wellenlinie wird aber illusorisch, wenn man nicht die zeitliche Perspektive betont, sondern auf Themen und Adressaten konzentriert.

Verdienstvoll finde ich das Interesse und das Vertiefen in die Kontexte, Textstrategien und Intertextualität. Als sein methodisches Vorbild nennt Müller Stefan Freunds, Vergil im frühen Christentum. Untersuchungen zu den Vergilzitaten bei Tertullian, Minucius Felix, Novatian, Cyprian und Arnobius (2000). Er überträgt die von der Intertextualitäts- und Markierungsforschung bereitgestellte Instrumente in den Bereich der Klassischen Philologie.

Im Augustin Müllers ist vor allem ein Verfasser zu seinem Recht gekommen, der frei und bezogen auf Adressaten und Thema zu von ihm differenziert und kritisch betrachtenen Mitteln greift. Für Augustin sind die paganen Autoren Elemente reflektierter rhetorischer Strategien, nicht Herzensergießungen. Jedoch könnte man Müller kritisieren, dass er hier völlig an allem Unbewussten vorbeigeht und dass sein Augustin zu rational und unproblematisch ist! Die unterschwelligen Elemente sind jedoch viel in der neuesten augustinischen Forschung erörtert und betont worden. Auch in der Intertextualitätsforschung wird unvermeidlicher und unbewusster Dialog der Texte hervorgehoben. Kein Text ist allein und ein Wort trägt immer das andere mit sich.

In Formen und Funktionen der Vergilzitate und –anspielungen gibt es auch ein ausgezeichnetes Register der Vergilzitate Augustins – sowohl nach den Augustinstellen als auch nach den Vergilstellen geordnet.

Maijastina Kahlos

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