Es hat sich viel ereignet …

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Es hat sich viel ereignet, Gutes wie Böses. Lateinische Geschichtsschreibung der Spät- und Nachantike. Herausgegeben von Gabriele Thome und Jens Holzhausen unter Mitarbeit von Silke Anzinger. K. G. Saur München – Leipzig 2001. Beiträge zur Altertumskunde Band 141. ISBN 3-598-77690-X

ARCTOS 36/2002

Das vorliegende Werk, dessen Titel Es hat sich viel ereignet, Gutes wie Böses die Worte Gregors von Tours nonnullae res vel rectae vel improbae zitiert, ist ein Ergebnis einer wissenschaftlichen Begegnung zwischen der Freien Universität Berlin und der Karlsuniversität Prag, in Berlin vom 13.-15.1.2000. Die zwölf Beiträge beide der deutschen und tschechischen Forscher behandeln verschiedene Aspekte und Verfasser der lateinischen Geschichtsschreibung von der Spätantike bis zum Mittelalter und Neuzeit.

Václav Marek behandelt die Position des Vegetius Renatus zwischen Heidentum und Christentum und hat als seine Forschungsfrage gestellt ob es möglich ist, die Tiefe des Glaubensbekenntnisses eines Schriftstellers auf die Probe zu stellen. Man kann ja fragen ob diese vereinfachte Fragestellung vernünftig oder ergiebig, und auch Marek selbst endlich zu diesem Ergebnis kommt. Marek führt eine Liste von Stellen im Text, wo der christlicher Gott erwähnt wird, z.B. als Deus Creator. Hier muß man bemerken, daß die monotheistische Terminologie (wie Deus Creator) nicht unbedingt, obwohl doch wahrscheinlich, auf den christlichen Gott hinweisen. Marek hat ja recht, wenn er konstatiert, daß es sich nicht um die intim persönlichen Worte eines Glaubensbekenntnisses handelt und es nichts spezifisch Christliches in Werken des Vegetius gibt. Danach analysiert Marek die Stellung des Vegetius an die berühmten militärischen Katastrophen der Zeit, die bei Vegetius keine Folge einer Strafe Gottes, sondern menschlichen Versagens sind. Nach Marek unterscheidet sich Vegetius in dieser Beziehung von den anderen, spirituell ausgerichteten christlichen Schriftstellern. Hier soll man präzisieren, daß es eine lange römische Tradition (z.B. Cicero) gab, in dem die vernachlässigten und beleidigten Götter als eine Erklärung der Katastrofen galt, und es keinerwegs eine christliche Besonderheit war, militärische Niederschlage als ein Strafe Gottes zu interpretieren. Weil Vegetius keine Geschichtsphilosophie oder Theologie schöpft, sondern als ein pragmatischer Verwaltungsmann schreibt, sollte man keine religiös-ideologisch gefärbte Stellunsnahme in diesem Genre erwarten. Wie Marek ganz richtig merkt an, ein Verwaltungsfachmann mit den religiösen Widersprüchen und dem ständigen Konflikt zwischen Heidentum und Christentum umgehen konnte. Alle Gebildeten hatten nicht unbedingt die religiöse Widersprüche als ein persönliches Problem empfunden. Dennoch antwortet Marek antwortet nicht die Frage seines Titels „Vegetius: ein christlicher Heide?“, mit Ausnahme von einer Fussnote am Ende des Aufsatzes (S. 36, A.6), nämlich, daß Vegetius wahrscheinlich nicht zu den Menschen zu rechnen ist, die zwar zum Christentum übergetreten, in ihrem innersten Herzen aber Heiden geblieben sind.

Auch Felix Mundt und Julian Führer auf das Christliche und das Heidnische in der Geschichtsschreibung verhandeln. Mundt beteiligt bei den immer zunehmenden Historia Augusta Diskussionen in seinem Beitrag, in dem er Spuren christlicher und jüdischer Literatur in der Historia Augusta ausgräbt. Der enigmatische Verfasser der Historia Augusta hat mangelndes historisches Wissen und Lücken im Quellenmaterial mit leicht verfremdeten Versatzstücken aus älteren römischen Autoren (Livius, Sueton, Juvenal) aber auch aus christlichen und jüdischen Texten (Alte Testament, Kirchengeschichten) gefüllt. Mundt betont, daß diese Fälschungen sind weder politisch noch religiös motiviert, sondern Produkte freier Assoziation, die dazu dienen, Lücken auszufüllen und den Leser zu unterhalten und – man könnte ja zusetzen, auch die Forscher der Nachwelt zu irritieren. Julian Führer behandelt die Einstellung zu anderen Glaubengemeinschaften, Heidentum, Arianismus und Judentum, in den Werken Gregors von Tours. Führer zielt nicht eine Studie zur Situation des Heidentums, Arianismus oder Judentums des sechsten Jahrhunderts vorzulegen, sondern einen Einblick in Gregors Darstellungsabsichten zu zeigen. Was in Gregors Darstellung fällt auf, ist eine Distanzierung vom Anderen. Die heidnischen Kulte regelmässig werden entweder nur in bezug auf die Vergangenheit berichtet oder scheinen – entgegen anderen Zeugnissen – nur an Randzonen des Reiches zu existieren. Durch alle Passagen zieht sich die Absicht, daß Heiden fast immer bekehrt werden. Damit bei Gregor steht Frankenreich wie eine politische Einheit auf einer festen christlichen und katholischen Basis unter den merowingischen Herrschern.

In ihrem Aufsatz erörtert Bohumila Mouchová das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eutrop, Orosius und der Historia Augusta und entscheidet die umstrittene Frage der Priorität von Eutropius bzw. der Historia Augusta als Quelle des Orosius durch die Interpretation der Parallelen in der Mark-Aurel-Vita zugunsten Eutrops. Doch gibt sie zu, daß Eutrop und die Historia Augusta eine gemeinsame Quelle benutzt haben könnten. Dankenswerterweise analysiert Barbora Krylová das Latein Ammians, dessen Muttersprache Griechisch war. Sie betont, daß was oft ein Merkmal unzulänglicher Sprachkompetenz gesehen worden ist, eher als wohlbedachte stilistische Strategie zu interpretieren sind. Leider wiederholt Krylová das schon lange her in Frage gestellte und unbeweisbare Klischee, daß Ammian zu den Symmachus-Kreis gehört hätte.

Fritz Felgentreu behandelt ein viel diskutiertes Thema, das Verhältnis zwischen den Werken Claudians und der so-genannten historischen Wirklichkeit. Die Dichtung Claudians ist nach Claudian. Poetry and Propaganda at the Court of Honorius (1970) von Alan Cameron als reine Propaganda gesehen worden und diese Ansichtspunkt hat das Bild des Dichters in Forschung etwa einseitiger gemacht. Es ist unstrittig, daß Claudian der Propagandist war. Jedoch sollten die Texte auch über das Verfallsdatum ihrer tagespolitischen Zielsetzungen hinaus interpretiert werden. Kunst und Propaganda ausschliessen einander nicht, wie Felgentreu hier betont, und die Propaganda ist für hier und heute, die Kunst ist für immer. Interessant ist die Analyse der Dichter, der sich dieser Doppelfunktion seiner Dichtung bewusst war.

Der Aufsatz von Kaspar Elm beleuchtet über die Darstellungen der Eroberung Jerusalems 1099 in der mittelalterlichen Geschichtschreibung und besonders in den Gesta Tancredi des Raoul von Caen. Elm stellt die Darstellungen der Eroberung Jerusalems und der Kreuzzüge in einen langen Tradition hin, die bis auf die Anfänge der Menschengeschichte zurückgeht und keinerswegs auf den judäo-christlichen Kulturkreis beschränkt war. Die christlichen Chronisten verwenden Worte und Bilder aus den Schriften des Alten Testaments. Mit ähnlichen Worten und Bildern hatte sich der assyrische König Tiglatpilesar I. seiner Siege am Ende des 2. Jahrtausends v.Chr. gerühmt, die er im Dienste des Gottes Assur über die Feinde, die Dämonen der Urchaos errungen hatte. In dieserlei Sakralisierung von Kampf und Krieg, die auch heutzutage in der politischen Rhetorik auf allen Seiten sichtbar ist, galten die Kämpfe als eine Art Gottesdienst gegen das Dämonische und das Böse selbst. Die Gesta Tancredi in expeditione Hierosolymitana des Raoul von Caen, die von der Teilnahme des Normannen Tankred von Tarent erzählt, wiecht bemerkbar von anderen Chroniken ab. Von einem von Gott gewollten Heiligen Krieg ist explizit nicht die Rede; statt alttestamentlichen Szenen kampfen die Helde Raouls wie Hektor und Achilleus und triumphieren wie Caesar, Marius und Sulla. Elm erklärt dieses Untershied als einer Variante des Heiligen Krieges von einer anderen Konzeption, als eine Auseinandersetzung mit Konstaninopel und dem oströmische Reich mit dem die Interessen und Machtpolitik der Normannen legitimieren könnten.

Deug-Su I behandelt den Europabegriff in Mittelalter und im Anfang der Neuzeit, von Isidor von Sevilla bis zu Lorenzo Valla. Bemerkenswert ist, daß der antike Mythos von der kretischen Königstochter Europa, die so wichtig für die moderne EU geworden ist, dagegen im Mittelalter ohne Bedeutung für den Europabegriff blieb. Dagegen sind Japhet der Sohn Noah und Aeneas mit seinen Trojaner in mittelalterlichen Texten wesentlich präsenter. Angelika Lozar behandelt die Geschichte der Zisterzienserabtei Himmerod von Nicolaus Heesius (im 1640). Jan Kalivoda analysiert den tschechischen hagiographischen Text, Vita et passio sancti Wenceslai et sancte Ludmile, die unbedingt das meist geforschte und debattierte Dokument des tschechischem Mittelalters ist. Kalivoda stellt den Text in die Umgebung des Bischofs Adalberts in Jahren 992-994, weil, obgleich zuallererst dieVita et passio als eine historische Schilderung der Anfänge und der weiteren Geschichte des böhmischen Christentums scheint, deckt der Text aber auch die kirchenpolitischen Fragen und Konflikte zwischen dem Bischof Adalbert und der böhmischen Gesellschaft auf. W.-W. Ehlers erörtert Jacob Wimpfeling, ein Intellektueller des 16. Jahrhunderts und die Wirkungsgeschichte der im 1455 wiederentdeckten taciteischen Germania. In 1501-1502 teilnahm Wimpfeling in heisse Debatten über die Status von Elsaß. Für Wimpfeling war Elsaß ist deutsch sowie Karl der Große ein Deutscher, und das römische Reich hatte sich in das Deutsche Reich verwandelt. Es ist ja imposant die Betrachtungsweise Wimpfelings und seiner Zeitgenossen als nationalromantisch (S. 182) zu nennen. Unter dem Gesichtwinkel des Historikers ist aber dieserlei Anachronismus, die zu den 19. Jahrhundert gehört, problematisch und irreführend. Gleicherweise ist es ungenau von der tschechischen Nationalkultur (S. 204) im Kontext der 17. und 18. Jahrhunderten sprechen, wie Martin Svatoš in seinem Auftrag über dem Begriff patria und die patriotischen Tendenzen in der lateinischen Historiographie und Hagiographie in den böhmischen Ländern. Später spricht er doch zweckmässiger von dem Landespatriotismus und der Vaterlandsliebe und selbst konstatiert, daß die lateinische patria in dieser Zeit häufig als Herkunft, Geburtsort, Heimatgemeinde, Heimat verstanden wurde.

Das Ziel des vorliegendes Werkes ist die Brücke von der Geschichtsschreibung der Spätantike hin zum Mittelalter und zur Neuzeit zu schlagen und meiner Meinung nach verwirklicht sich diese Zielsetzung ausgezeichnet.

Maijastina Kahlos

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